Im Dienste des ungarischen Geigers E. Reményi unternahm der junge Brahms mehrere Konzertreisen. Auf einer dieser Reisen lernte er den berühmten Violinvirtuosen Johann Joachim kennen, der ihn an Franz Liszt und Robert Schumann weiterempfahl und in der Folge sein engster Freund wurde.
1853 lernte Brahms Robert Schumann persönlich kennen. Schumann, von den Fähigkeiten Brahms’ beeindruckt, verfaßte daraufhin den ersten Artikel über ihn und veröffentlichte diesen in der von ihm herausgegebenen Neuen Zeitschrift für Musik.
Darin heißt es unter anderem: "Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Hamburg, dort in dunkler Stille schaffend, aber von einem trefflichen und begeistert zutragenden Lehrer gebildet in schwierigen Setzungen der Kunst, mir kurz vorher von einem verehrten bekannten Meister empfohlen. Er trug, auch im Äußeren, alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: Das ist ein Berufener."
Schumann setzte sich für Brahms auch bei Breitkopf & Härtel mit dem Anliegen ein, der Verlag möge doch einige von Brahms’ Werken publizieren. Sein persönliches Engagement für Brahms machte den Zwanzigjährigen in Deutschland sozusagen über Nacht berühmt. Viele Musikinteressierte wollten von ihm hören, seine Noten sehen, mehr über das Talent wissen. Brahms fühlte sich allzu sehr gefordert, in Briefen an Schumann drückte er seine Befürchtung aus, den Maßstäben der Öffentlichkeit nicht genügen zu können.
"Nebenbei" hatte sich Brahms – aussichtslos – in die ältere Clara Schumann verliebt, unterhielt einen intensiven Briefwechsel mit ihr und zog nach der Einweisung Schumanns in die Nervenheilanstalt 1854 nach Düsseldorf, um der Familie zu helfen; wohnte eine zeitlang auch im Hause Schumanns.
Nach Schumanns Tod 1856 zog Brahms jedoch die "Notbremse": "Leidenschaften gehören nicht zum Menschen als etwas Natürliches. Sie sind immer Ausnahme oder Auswüchse. Bei wem sie das Maß überschreiten, der muß sich als Kranken betrachten und durch Arznei für sein Leben und seine Gesundheit sorgen. (…) Leidenschaften müssen bald vergehen, oder man muß sie vertreiben." – Obwohl die Sehnsucht nach bürgerlicher Sicherheit bei Brahms immer wieder zu neuen Anstrengungen in diese Richtung führten, scheiterten diese ebenso, wie der Wunsch zu heiraten und eine Familie zu gründen.
1857 zog Brahms nach Detmold und pendelte beruflich zwischen Detmold, Hamburg, Düsseldorf und Wien. 1862 kehrte er, der in Hamburg nie die erhoffte Anerkennung gefunden hatte, dem Norden den Rücken und ging nach Wien. 1863 wurde er zum Chormeister der Wiener Singakademie ernannt, gab das Amt jedoch schon im Jahr darauf wieder auf. 1868 ließ er sich endgültig in Wien nieder, 1874 nahm er die berühmte Wohnung in der Karlsgasse 4. Hier starb Johannes Brahms am 3. April 1897.
Von Friedrich Nietzsche stammt die Feststellung: "Aus drei Anekdoten ist es möglich, das Bild eines Menschen zu geben." – Über Brahms gibt es unzählige wie diese:
Johannes Brahms liebte Essen und Trinken, besonders guten Wein. Nach einem üppigen Essen bei einem Gönner ließ dieser eine Flasche Wein servieren mit den Worten: "Das ist der Brahms unter meinen Weinen!" Brahms kostete ihn und sagte: "Ausgezeichnet! Aber das macht mich neugierig, nun auch ihren Bach kennenzulernen."
Eine Wiener Aristokratin wollte in ihrem Palais einen Brahms-Abend veranstalten und bat den Komponisten um seine Teilnahme. Sie schickte ihm eine Gästeliste mit der Anmerkung, er solle alle Namen streichen, die ihm nicht genehm seien. Bereits am nächsten Tag erhielt sie die Liste retour, nur ein Name war durchgestrichen: Johannes Brahms.
"Was wird wohl einst auf der Tafel stehen, die man Ihnen zu Ehren hier oben anbringen wird?" fragte ein Freund des Komponisten, als er mit ihm vor dem Haus Karlsgasse 4 in Wien stand, das der Meister lange Jahre bewohnte. Trocken erwiderte Brahms: "Wohnung zu vermieten!"
Der Komponist Brahms wird der Romantik zugerechnet; noch heute bezeichnet man ihn vielfach als den legitimen Nachfolger Beethovens. Zu dieser Einschätzung trug vor allem die Äußerung seines Freundes und Förderers Hans von Bülow bei, der erklärt hatte, die erste Symphonie von Brahms sei die zehnte von Beethoven. Wie schon bei dem begeisterten Lob Schumanns in der NZfM fühlte sich Brahms dadurch eher verunsichert.
Mit seinen Sinfonien stellte Brahms indessen nicht nur das allgemeine Publikum, sondern auch seine Freunde auf eine harte Probe, da sie keinen leichten Zugang boten. Über seine erste notierte er: "Nun möchte ich noch die vermutlich sehr überraschende Mitteilung machen, daß meine Sinfonie lang und nicht gerade liebenswert ist." Auch bei den weiteren arbeitete Brahms mit Harmonien, die das Publikum nicht nachvollziehen mochte.
In dem berühmten Richtungsstreit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in dem sich die Vertreter der "programmatischen Musik" (der sinfonischen Dichtung und des Musikdramas) mit Liszt, Wagner und Franz Brendel, dem Herausgeber der "Zeitschrift für neue Musik", an der Spitze, und auf der anderen Seite die Traditionalisten um Brahms, Joseph Joachim und der Musikkritiker Eduard Hanslick gegenüberstanden, formulierte Brahms sein Engagement für eine "dauerhafte Musik".
Dieses krasse, den Auseinandersetzungen der Zeit geschuldete Fehlurteil hält einer eingehenden Analyse jedoch nicht Stand. Brahms war ein formbewußter Komponist, der Mustern und Modellen nicht blind folgte, sondern mit ihnen arbeitete, sich mit ihnen quälte und sie schließlich nach seinem Willen formte. Sein Weg zur Sinfonie dauerte viele Jahre und war von suchender Unsicherheit geprägt. Sein weniger bewahrender als vorausblickender Klassizismus deutete Traditionen neu und fügte sich gerade dadurch in diese Traditionen ein.
Für Arnold Schönberg lag das Neuartige der Brahms’schen Musik in der Methode der sich "entwickelnden Variation", der ständigen Wiederverarbeitung kleiner Fragmente musikalischen Materials im Verlauf einer Komposition. Im Klarinettenquintett Nr. 1 op. 25 kann praktisch jede Note aus dem ersten Takt abgeleitet werden.
Schönberg schrieb: "Von Brahms habe ich gelernt: Vieles von dem, was mir durch Mozart unbewußt zugeflogen war, insbesondere Ungradtaktigkeit, Erweiterung und Verkürzung der Phrasen Plastik der Gestaltung: Nicht sparen, nicht knausern, wenn die Deutlichkeit größeren Raum verlangt; jede Gestalt zu Ende führen Systematik des Satzbildes Ökonomie und dennoch: Reichtum."
Literaturempfehlung: Klassische Musik (aus der Reihe "Kompakt und visuell"). Hrsg. John Burrows. London: Dorling Kindersley 2006.
Verfasst von Bernd-Ingo Friedrich, 08. 04. 2008