Gibt es Leben auf Titan ?

Der Saturnmond Titan ist der wohl interessanteste, geheimnisvollste und verwirrendste Himmelskörper im gesamten Sonnensystem. Seine überaus exotisch anmutenden Eigenschaften lassen uns vermuten, dass es auf ihm ausserirdisches Leben geben könnte. Anders als die meisten Monde die wir kennen, besitzt Titan eine ausgedehnte Atmosphäre, die sogar eineinhalb mal dichter ist als die der Erde und wie diese zum überwiegenden Teil aus Stickstoff besteht. Daneben kommt in grösseren Anteilen Methan vor, das wegen der mit etwa 130 Kelvin (minus 140 Grad Celsius) aus unserer Sicht sehr niedrigen Oberflächentemperatur des Titan je nach Umständen gasförmig oder flüssig vorkommen kann und in der Tat auf dem Mond die Rolle einzunehmen scheint, die auf der Erde das Wasser spielt.

Kryo Vulkanismus auf Titan
Artwork, Kryovulkanischer Ausbruch auf Titan, © hsu 2007

Methan steigt von der Oberfläche auf und bildet den gesamten Mondglobus umspannende Wolken, die von Winden bewegt, von Zeit zu Zeit Methan abregnen lassen, das wiederum Tümpel und Bäche bildet, die die wohl zum grössten Teil aus Wassereis bestehende Oberfläche formen. Neben diesem dem irdischen Wasserkreislauf ähnelnden Methanwetter, reagieren aber auch Teilmengen des Methans unter dem Einfluss der Weltraumstrahlung miteinander und bilden grössere organische Moleküle, die sich als so genanntes Tholin, einer bei Zimmertemperatur teerartigen Mischung aus Kohlenwasserstoffen, auf der Oberfläche niederschlagen und über die Äonen hinweg eine global verbreitete Ablagerung auf dem Eis der Mondkruste gebildet haben. Tholinpartikel scheinen unter dem Windeinfluß zu regelrechten Verwehungen und sogar mehr als hundert Meter hohen dünenartigen Gebilden angehäuft zu werden, weil sie in kaltem Zustand offenbar feinkörnig vorkommen. Das dem atmosphärischen Kreislauf durch diese Reaktionen entzogene Methan wird rätselhafterweise immer wieder ergänzt, wobei unklar ist, ob dafür exhalative, also kryovulkanische Vorgänge verantwortlich sind, oder aber ob vielleicht sogar biologische Aktivität eine Rolle dabei spielt.

Leben, das heisst komplizierte, selbstreplizierende biochemische Verbindungen und Stoffwechselvorgänge auf der Oberfläche des Mondes sind wegen der in unserem irdischen Sinne extremen Kälte wohl prinzipiell ausgeschlossen, müssten sie als exotherme Reaktionen bei den dort herrschenden Temperaturen doch millionenfach langsamer ablaufen als auf der Erde, womit eine biochemische oder biologische Evolution selbst in den zur Verfügung stehenden 4,5 Milliarden Jahren seit Enstehung des Sonnensystems unmöglich gewesen wäre. Wie man inzwischen jedoch weiss, sind viele Monde, im Gegensatz zu dem was man bis vor wenigen Jahrzehnten glaubte, nicht geologisch tote Körper, sondern auch rezent aktiv. Dazu gehört in besonderem Maße natürlich auch der vergleichsweise riesige Titan, auf dem kryovulkanische Strukturen in Form grosser Eisvulkankegel bereits bekannt sind, die belegen, dass der Mond in seinem Inneren wesentlich höhere Temperaturen aufweist als an der Oberfläche und in grossen Teilen oder vielleicht sogar, wie der Jupitermond Europa, ganz aufgeschmolzen ist. Titan mag sogar gross genug sein, um über die sonst aktive gravitative Aufheizung durch den Mutterplaneten hinaus wie die Erde auch eigene Wärme durch die Ansammlung radioaktiver Elemente in seinem Inneren zu erzeugen, so dass dort die Bedingungen für Leben ohne Weiteres gegeben sein könnten. Selbst auf der Erde sind viele Organismen bekannt, die in der ewigen Dunkelheit der Ozeantiefen, unter dem antarktischen Eis oder sogar tief im Gestein leben und andere Energiequellen erschlossen haben als das Sonnenlicht, darunter etwa die Wärme aufsteigender heisser Wässer oder die Schwefelreduktion.

Methan Atmosphäre Titan
Methan-Zyklus auf Titan, Quelle: colorado.edu, public domain

Alles in allem ist nach heutigem Kenntnisstand also durchaus nicht unwahrscheinlich, dass Titan Leben hervorgebracht oder diesem von anderwärts kommend einen Entfaltungsraum gegeben hat und heute noch beherbergt.

Eingereicht von Dr. Herbert Sulzer, 04. 11. 2007

< zur Artikelverzeichnis Übersicht