Zur Zeit des Augustus hatten die Römer vom bereits ein halbes Jahrhundert zuvor durch Caesar eroberten Gallien aus die germanischen Gebiete zwischen Rhein, Main und Donau besetzt. Um die Zeitenwende drangen sie weiter in Richtung Norden und Osten mit dem Ziel vor, ihrem Weltreich nun auch die Kerngebiete Germaniens bis zur Elbe hin einzuverleiben.
Marmorbüste des Augustus im Museum Kalkriese
Eine römische Legion
Im Jahre 9 unserer Zeitrechnung befand sich der Legat Quinctilius Varus im Auftrag des Kaisers Octavian (Augustus) im Norden Germaniens auf einem Zug zur Gewinnung der nördlichen Germanenstämme. Er führte er eine für damalige Verhältnisse gewaltige, ja unbesiegbare Streitmacht von drei voll ausgerüsteten Legionen, zu je 6.000 Mann, also 18.000 Soldaten an. Samt Hilfstruppen, Troß und Verwaltung standen wahrscheinlich bis zu insgesamt 25.000 Mann marschierend unter seinem Befehl.
Inwieweit dieses Unternehmen aber überhaupt ein regelrechter militärischer Feldzug war, oder ob womöglich nur Macht demonstriert, Erkundungen durchgeführt, Tribute eingesammelt und die verwaltungsmäßige Erfassung an sich nicht mehr feindlicher Gebiete vorbereitet werden sollte, ist unklar. Bei sich hatte Varus einige mit ihm verbündete germanische Häuptlinge, unter ihnen Arminius vom Stamm der Cherusker, deren geheime Abneigung, sich Rom wirklich zu unterwerfen, sein und seiner Legionen Verderben werden sollte.
Denkmal des gescheiterten Varus in Haltern
Die geografische Lage von Kalkriese bei Osnabrück
Rot: (Marschweg der Legionen)
Es war Herbst geworden, und Varus hatte nach dem bisher wenig ereignisreichen Zug den Befehl gegeben, in die befestigten Winterlager am Niederrhein zurück zu marschieren, den günstigsten Weg würden die germanischen Freunde weisen, diese aber führten Varus in den Abgrund. Das Heer war bei kaltem und regnerischem Wetter von Nordosten her kommend am nördlichen Rand des Wiehengebirges angekommen und zog nun Richtung Westen am nördlichen Hang der Hügelkette entlang, um diese Richtung Bramsche zu überschreiten und die dahinterliegenden südlichen Ebenen um Osnabrück zu gewinnen. Am Kalkrieser Berg wurde der Weg, ohnehin vermutlich eher ein Gewirr von Pfaden und Steigen als überhaupt eine begehbare oder gar befahrbare Straße, weil langsam aber beständig ansteigend und auf nassem sandigem Untergrund gelegen, besonders beschwerlich.
Plan des Teil-Schlachtfeldes am Engpaß vor Kalkriese zur Zeit des Varus
Gelb: Marschkolonne der Römer Rot: Angriff der Germanen Braun: Germanische Wall-Anlagen Schwarz: Rückwärtige Pfade der Germanen (schematisch)
Auf dem Nordhang des Kalkrieser Berges angekommen, hatte die kilometerlange Kolonne der Römer zur Linken den finsteren undurchdringlichen Wald am Hang, zur Rechten den unteren Hang, der bald nach Norden hin ins Moor auslief. Vor ihnen stieg der Weg an und je weiter westlich sie kamen, desto näher rückten Bergwald von links und Moor von rechts wie die Wände eines Trichters aufeinander zu, bis kurz vor dem zu gewinnenden Pass über das Wiehengebirge nur noch ein weniger als hundert Meter breiter sandiger Durchgang zwischen den dicht bewaldeten Hügelkuppen links und rechts dem völlig unpassierbaren Moor mit seinen Tümpeln, Sumpflöchern und undurchdringlicher Schilf- und Heidevegetation übrig war. Hier lauerten die von den verräterischen Germanenhäuptlingen gesammelten Kriegshorden im Wald auf dem Hügel. Vor dem Waldrand, links am Hang entlang des Weges, den die Römer zwischen Hügelkette und Sümpfen nehmen mussten, hatten die Germanen eine bis zu 400 Meter lange durchbrochene Wallanlage aus Grassoden errichtet, die etwa 2 Meter hoch und durch Palisaden, Weidengeflecht-Zäune und Gräben verstärkt war.
Palisaden und Weidenzäune auf germanischem Grassodenwall (Rekonstruktion)
Germanische Erdwall-Anlage (Rekonstruktion)
Hinter dem Wall konnten sie sich beim Anzug der Legionen verstecken, bei deren Ankunft über den Wall und durch dessen Lücken den römischen Heerzug unvermittelt aus nächstem Abstand von der Seite hangabwärts werfen und im Moor zerstreuen. Bei einem etwaigen Nachsetzen der Römer konnten die Germanen leicht hinter den Wall auf den für die bewaffneten, beladenen und zum Teil auch berittenen Römern undurchdringlich bewaldeten Hang zurückweichen und den unbeweglichen Feind dort auf zahlreichen vorher dort angelegten Pfaden umso besser im Einzelkampf niederringen. Die Römer saßen in der Falle, von links, hinten und vorne drangen die Germanen auf sie ein, die sie nicht hangaufwärts über den Wall hinweg nach links in den Wald oder nach vorne auf den Pass zurückwerfen konnten, rechts lag das Moor, wohin sie nicht ausweichen konnten und auf dem sandigen Hangstreifen, auf dem sie in langen Kolonnen standen, war für eine Aufstellung in Schlachtordung oder wenigstens Abwehrstellung kein Platz - und während der Blitzangriffe der Germanen auch keine Zeit! Nach rückwärts war die eigene Masse von Soldaten, Gepäck, Lasttieren, Lebensmitteln und Troß im Wege und auch dort werden die Germanen im Walde in Deckung gelegen haben, um jede Rückzugsmöglichkeit abzuschneiden.
Sumpfloch im Moor bei Bramsche
Drei Tage lang dauerte das Gemetzel in Wald, Moor und Heide, dann war der gesamte Heerzug der Römer zur Gänze vernichtet und Varus stürzte sich im Angesicht seiner Niederlage und gedenk seiner Verantwortung noch auf dem Schlachtfeld ins Schwert. Kaiser Augustus quittierte die Nachricht vom Untergang dreier ruhmreicher Legionen mit dem schmerzlichen Ausruf "Varus gib mir die Legionen wieder" und Germanien sollte niemals ganz zu Rom gehören.
Gedenktafel mit Zitat des Augustus: "Varus, gib die Legionen zurück"
Heute weist sich die Nordseite des Kalkrieser Berges wegen tausenden von Funden römischer Gegenstände, Waffenteile und Münzen als Gegend dieser so genannten Hermanns- oder Varus-Schlacht im "Teutoburger Wald" aus.
Römische Fundstücke aus Bronze und Eisen im Museum Varusschlacht
Römische Silber- und Goldmünzen im Turmmuseum
Fund aus dem Wald bei Kalkriese im Museum:
Eiserne römischen Parademaske eines Offiziers
Der Besucher findet den Ort nicht unverändert vor, das Moor ist zwar vom Berghang aus noch in Sichtweite aber nach Norden zurückgewichen und wo zur Römerzeit die ersten Sumpflöcher standen, liegen heute Felder in der Ebene. Der Mischwald am Hang südlich, d.h. links des Durchganges der Römer dürfte vor zweitausend Jahren noch höher, dichter und finsterer gewesen sein, als der Wald heute. Die Erdwälle, die die Germanen davor aufgeschichtet hatten, zeichnen sich auf der Oberfläche nur noch als undeutliche niedrige Bodenwellen ab, sind aber an einigen Stellen nachgebaut worden und ihr bekannter Verlauf ist markiert. Mit etwas Phantasie kann sich der Betrachter der Landschaft insgesamt die verzweifelte Lage der Römer gut vorstellen, die sich, von den Widrigkeiten der völlig unbekannten, unübersichtlichen Gegend, den ungangbaren Mooren und undurchdringlichen Wäldern umzingelt auf unsicherer Standfläche plötzlich von Erdwällen herabstürzenden oder aus dem Wald stürmenden, mit Lanzen und Streitäxten bewaffneten Germanenhorden von der Seite überfallen, zerstreut und in den Sumpf geworfen sahen.
Der Engpaß bei Kalkriese von oben in Marschrichtung der Römer gesehen
Gelb: Marschroute des Varus Rot: Germanischer Überfall Braun: Germanische Erdwälle
Auf dem Feld vor Kalkriese mit Blick hügelaufwärts in Marschrichtung der Legionen
Die Wahl des Ortes für den Hinterhalt ist tückisch, der Beschauer erkennt es noch heute gut. Arminius ("Herrmann der Cherusker") hatte Varus in eine genau und lange vorbereitete perfekte Falle geführt. Die Betrachtung der geografischen Gegebenheiten am Ort zur Zeit des Varus zeigt die Absicht, die dort kampfunfähigen Römer hinterrücks zu überfallen, sie in eine völlig aussichtlose Lage zu bringen und ganz zu vernichten. Die böse Hinterlist mit der Arminius den langjährigen Verbündeten Varus und Rom verriet, lässt auch an den Motiven des Arminius zweifeln. Stellt der Besucher sich die "Varus-Schlacht" am Ort des Geschehens vor, denkt er eher an einen gigantisch angelegten Raubüberfall und ein Massaker, als an eine Schlacht zwischen zwei Heeren. Es gab keine Kriegserklärung, sondern Freundschaftsverträge, am Platz wurden keine Geiseln oder Gefangenen gemacht, sondern der ganze Heerzug wurde in mehrtägiger Verfolgung in der ganzen Umgebung am Ende vermutlich kleinteilig niedergemacht oder, wie die Römer später meinten, sogar einzeln in den Wäldern den germanischen Göttern "geopfert".
Grab vom Schlachtfeld Kalkriese im Museum
Eingereicht von Dr. Herbert Sulzer, 29. 10. 2007
Theodor Mommsen zum Ort der Herrmannsschlacht
Geschichtsschreibung der Römer (Museum Kalkriese)
Die Schrift der Germanen (Museum Kalkriese)
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Tacitus : "Germania" (Latein und Deutsch)
Daten und Quellen zur Varus-Schlacht
Die Varus-Schlacht, eine Dokumentation
Museum und Archäologischer Park Kalkriese
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